Berlin – [–>Der Sozialstaat gehört zu den großen Errungenschaften Deutschlands. Niemand soll wegen Krankheit, Arbeitslosigkeit oder im Alter in Not geraten. Doch inzwischen scheint das System aus dem Gleichgewicht geraten zu sein: teure Rentenpakete, steigende Gesundheits- und Pflegekosten sowie wachsende Ausgaben für das Bürgergeld belasten den Staat massiv.
Laut einer neuen Studie des Instituts der Deutschen Wirtschaft fließen bereits 41 Prozent aller staatlichen Ausgaben in die soziale Sicherung. Die Wirtschaftsweise Prof. Veronika Grimm warnt: „Ab 2029 geben wir die gesamten Einnahmen des Staates für Soziales, Verteidigung und Zinszahlungen aus.“
Das zeigt, wie wenig Spielraum künftig für Investitionen in Zukunftsbereiche, Infrastruktur oder Bildung bleibt.
Deutschland zählt zudem zu den Ländern mit den höchsten Lohnnebenkosten. Immer weniger Beitragszahler müssen immer mehr soziale Sicherungssysteme finanzieren. Die zentrale Frage lautet deshalb: Ist dieser Sozialstaat noch gerecht – oder in Teilen längst unsozial?
Hier sieben unbequeme Wahrheiten:
1. Der Sozialstaat belastet Leistungsträger zu stark
Der Spitzensteuersatz von 42 Prozent greift bereits ab 68.481 Euro Jahreseinkommen – und trifft damit überraschend viele Fachkräfte. Auch die Lohnnebenkosten steigen weiter und erreichen 2026 einen Rekordwert von 42,3 Prozent. Gleichzeitig werden Kapitalerträge nur pauschal mit 25 Prozent besteuert, ohne zusätzliche Sozialabgaben. Diese Ungleichbehandlung wird von vielen als systematische Schieflage empfunden, weil Arbeit stärker belastet wird als Vermögen.
2. Deutschlands Rentner bekommen wenig
Obwohl die Rentenbeiträge und der Steuerzuschuss zur Rentenkasse (127,8 Mrd. in 2026) über die Jahrzehnte gestiegen sind, bleiben die Renten im europäischen Vergleich niedrig. Das Rentenniveau (Verhältnis von Durchschnittsrente zu Durchschnittslohn) sank von 55 Prozent 1990 auf derzeit 48 Prozent.
In Österreich (da zahlen auch Beamte in die Rentenkasse) ist die durchschnittliche Bruttorente knapp 50 Prozent höher als in Deutschland.
Das Umlageverfahren bei uns stößt an seine Grenzen: Immer weniger junge Menschen müssen immer mehr ältere finanzieren. 1962 kamen noch sechs Arbeitnehmer auf einen Rentner, heute nur noch zwei.
Professor Bernd Raffelhüschen mahnt: „Wir hätten schon längst auf stärkere Kapitaldeckung der Rente setzen müssen.“ Andere Länder zeigen, dass Mischsysteme stabiler und weniger anfällig für demografische Entwicklungen sind.
3. Der Sozialstaat bevorzugt Staatsdiener
Beamte erhalten im Alter deutlich mehr als Angestellte: Ein Standardrentner bezieht 1692 Euro brutto, ein Pensionär dagegen rund 3240 Euro (Stand 2023), also fast das Doppelte. Da Pensionen vollständig aus Steuern bezahlt werden, entsteht ein wachsendes Gerechtigkeitsproblem. Laut INSA-Umfrage wünschen sich 68 Prozent der Deutschen, dass künftig auch Beamte, Freiberufler und Politiker in die Rentenkasse einzahlen. Eine Vereinheitlichung wird seit Jahren diskutiert, aber politisch kaum vorangetrieben.
Obdachloser in Düsseldorf. Daneben eine Frau am Geldautomaten
4. Fehlanreize durch das Bürgergeld
Das Bürgergeld liegt inzwischen nah am Mindestlohn. Ein alleinstehender Bürgergeld-Bezieher erhält 563 Euro plus Miete und Heizung. Ein Vollzeit-Mindestlohnarbeiter kommt laut ifo nach Abzügen und hohen Wohnkosten oft nur auf 745 Euro – mit Wohngeld auf 911 Euro. Der Unterschied: 348 Euro.
Clemens Fuest: „Der Abstand ist zu gering.“ Viele Beschäftigte haben das Gefühl, dass sich Arbeit nur minimal lohnt. Zusätzliche Mehrarbeit wird durch höhere Abzüge und sinkende Sozialleistungen häufig fast komplett neutralisiert.
5. Bürokratie produziert Ungleichbehandlung
Mehr als 500 Sozialleistungen und über 3000 Paragrafen schaffen ein System, in dem kaum jemand durchblickt. „Das intransparente und verwobene Sozialsystem führt dazu, dass viele Leistungen ihre Zielgruppen nicht erreichen“, sagt Prof. Sabine Kuhlmann (55). So beantragt nur rund ein Drittel aller Anspruchsberechtigten den Kinderzuschlag. Auch die Bundesagentur für Arbeit ist überlastet: Von 101.000 Mitarbeitern vermitteln nur 24.500 tatsächlich Jobs. Eine Reformkommission soll das System vereinfachen, doch Experten rechnen mit einem langen Prozess.
Armut trotz Sozialstaat: Schlange vor einer Tafel in Berlin
6. Zementierte Ungleichheit statt echter Chancen
Der Bildungserfolg hängt in Deutschland stark vom Elternhaus ab. Kinder aus Haushalten mit weniger als 2600 Euro Nettoeinkommen schaffen nur zu 21,1 Prozent den Sprung aufs Gymnasium. In gut verdienenden Akademikerfamilien sind es 80,3 Prozent. Gleichzeitig steigt die Zahl der Schulabbrecher auf 12,9 Prozent, das ist ein alarmierender Wert im EU-Vergleich. Wir stehen damit deutlich schlechter da als etwa Polen (4,1 Prozent) oder die Niederlande (7 Prozent).
Viele Schulen wie hier in Berlin-Pankow müssen dringend saniert werden
Prof. Ludger Wößmann betont: „Eine gute Bildungspolitik ist die beste Wirtschafts- und Sozialpolitik.“ Denn nur wenn Kinder früh gefördert würden, könnten sie später „erfolgreich am Arbeitsmarkt und in der Gesellschaft teilnehmen“ – und so „langfristig die Sozialkassen entlasten“. Er fordert frühe Förderung, mehr Qualität in Kitas und gezielte Unterstützung an Schulen in sozialen Brennpunkten, um spätere Sozialkosten zu senken.
7. Der Sozialstaat verlangt keine Integration
Milton Friedmans warnende Worte von 1991 bleiben aktuell: „Man kann nicht gleichzeitig freie Einwanderung und einen Wohlfahrtsstaat haben.“ 42,1 Prozent der Menschen aus den Asylherkunftsländern beziehen laut IAB Bürgergeld. Asyl-Experte Daniel Thym verweist auf Kanada und Australien, die gezielt Fachkräfte anwerben: „Sie konzentrieren sich auf die Anwerbung von Fachkräften, die von Anfang an einen Arbeitsvertrag haben.“ Deutschland nehme dagegen vorrangig Menschen über das Asylsystem auf – oft gering qualifiziert und zunächst arbeitslos.