Gießen – [–>Gießens Oberbürgermeister Frank-Tilo Becher (62, SPD) hatte zu friedlichem Verhalten aufgerufen: Gewalt könne gerade denen in die Karten spielen, die die Gesellschaft spalten wollen. Sein Wunsch für das Wochenende: der „größte friedliche Aufzug für Freiheit und Demokratie“. Doch daraus wurde nichts.
Stattdessen: Chaos, Straßenblockaden, Polizei, Wasserwerfer, Schlagstöcke. Die Gründung der AfD-Jugendorganisation versank am Samstagvormittag im Tumult.
30.000 Menschen strömten auf die Straße. Rund 1000 versuchten gewaltsam, Absperrungen zu durchbrechen. 6000 Polizisten stemmten sich dagegen.
Bilanz des „größten friedlichen Aufzugs“: ein Dutzend leicht verletzter Polizisten. Dem AfD-Bundestagsabgeordneten Julian Schmidt (35) soll nach eigenen Angaben von Unbekannten die Nase gebrochen worden sein.
Demonstranten versuchen, mit Müllcontainern Polizisten umzurennen
Protestler seilten sich von einer Autobahnbrücke ab
Bundeskanzler Friedrich Merz (70, CDU) kritisierte die Krawalle, sprach von Fernsehbildern, „die alles andere als erfreulich sind, eine Auseinandersetzung zwischen ganz links und ganz rechts“.
In der Hessenhalle beim AfD-Nachwuchs führte das Chaos vor der Tür zu deutlichen Verzögerungen – und zunächst leeren Reihen. Erst zwei Stunden später ging die Gründungsveranstaltung der Parteijugend los. Dafür dann aber wie geschmiert – und offenkundig mit der Parteiführung abgesprochen. Alles sah nach sauberem Neuanfang aus, mit neuem Namen: Die Jugend nennt sich seit diesem Wochenende „Generation Deutschland“.
Ihr neuer Chef: Jean-Pascal Hohm (28). Ohne Gegenkandidaten holte er 90 Prozent der Stimmen.
Er ist der neue Chef: Jean-Pascal Hohm (28) wird die AfD-Jugend führen
Clowns blockieren Straßen in Richtung Hessenhalle
Hohm ist Brandenburger Landtagsabgeordneter, der Verfassungsschutz stuft ihn als Rechtsextremisten ein. In seiner Rede kündigt er an, für eine „echte Migrationswende zu streiten, die dafür sorgt, dass Deutschland das Land und Heimat der Deutschen bleibt“.
Parteichefin Alice Weidel (46) machte unterdessen deutlich, was sie von der „Generation Deutschland“ erwartet. Sie soll eine „Kaderschmiede“ werden. „Ihr seid die nächste Generation für unsere Partei. Nach mir, nach Tino Chrupalla.“ Weidel: „Ihr sollt politische Verantwortung übernehmen.“ Weidel bekam Standing Ovations!
Mit der Ansage soll die neue Organisation enger an die AfD gebunden werden, als die vom Verfassungsschutz als rechtsextremistisch eingestufte und mittlerweile aufgelöste Vorgängerin „Junge Alternative“ – die Kampftruppe von AfD-Faschist Björn Höcke.
Die AfD-Chefs bei der Jugend: Tino Chrupalla (50, l.) und Alice Weidel (46)
Wie gemäßigt wird die neue Jugend?
In der Hessenhalle zeigten sich vor den rund 800 Nachwuchspolitikern vor allem Rechtsaußen-Abgeordnete der AfD, u.a. Matthias Helferich (37).
Und je länger die Veranstaltung dauerte, desto radikaler wurden die Reden. Am Ende dann: Kampfkandidaturen für den Vorstand. Mio Trautner (17) offenbarte nach gescheiterter Kandidatur: So war das nicht abgesprochen.
Anti-AfD-Protest in Gießen: Polizei stürmt auf Demonstranten zu
Je länger es dauerte, desto größer der Applaus für extreme Positionen: „Remigration“ oder sogar „millionenfache Remigration“ forderten mehrere Kandidaten unter Applaus und Gejohle. Damit wurde klar: Der harte, radikale Kern der alten rechtsextremen Parteijugend ist noch immer da – und hat wieder Macht.