Das Zürcher Start-up Forgis wirbt offen mit 80- bis 100-Stunden-Wochen – und löst damit eine Grundsatzfrage aus: Was bleibt einem Menschen bei so viel Arbeit überhaupt noch vom Leben übrig?
1 Stunde 42 Minuten pro Tag zum Leben
Eine Woche hat 168 Stunden. Bei 100 Arbeitsstunden und acht Stunden Schlaf pro Nacht bleiben nur zwölf Stunden freie Zeit pro Woche, 1 Stunde und 42 Minuten pro Tag. Für alles: Essen, Duschen, Haushalt, Kinder, Arzttermine, Freunde, Erholung. Selbst bei 80 Stunden Arbeit bleiben nach Schlaf nur 32 Stunden pro Woche, 4 Stunden und 34 Minuten pro Tag.
Arbeitsmediziner warnen klar vor solchen Extremen. Prof. Dennis Nowak vom LMU Klinikum sagt zu BILD: „Bei 100 Stunden Arbeit plus Wegezeiten bleiben weniger als 11 Stunden Ruhezeit, und das führt schnell zu Erschöpfung.“ Solche Wochen seien auf die Dauer absolut ruinös für die Gesundheit.
Arbeitsmediziner Prof. Dr. Dennis Nowak (LMU Klinikum) warnt vor den gesundheitlichen Folgen extremer Arbeitswochen
Bei dauerhaft so langen Wochen gerät der Körper in einen ständigen Alarmzustand. Stresshormone wie Cortisol bleiben dauerhaft hoch, der Blutdruck steigt, der Puls kommt nicht mehr zur Ruhe. Ärzte sprechen von einem Zustand, in dem der Körper praktisch nie in den Erholungsmodus zurückkehrt, eine Belastung, die auf Dauer Organe, Immunsystem und Psyche überlastet.
Die Folgen von Extremarbeit
Die Folgen sind gut untersucht und deutlich. Eine große Studie der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und der International Labour Organization (ILO) zeigt: Wer dauerhaft 55 Stunden oder mehr pro Woche arbeitet, hat ein um 35 Prozent höheres Risiko für Schlaganfälle und ein um 17 Prozent höheres Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Laut WHO waren 2016 weltweit 745.000 Todesfälle auf extrem lange Arbeitszeiten zurückzuführen, ein Plus von 29 Prozent seit 2000.
Auch psychisch sind solche Extremwochen gefährlich. „Überlange Arbeitszeiten sind Risikofaktoren für Herzinfarkte, Schlaganfälle, Erschöpfung, psychische Störungen einschließlich Depression“, sagt Prof. Nowak. Kurzzeitig könne ein gesunder Mensch Spitzenbelastungen aushalten, aber Schlafmangel, fehlende Sozialkontakte, Herz-Kreislauf-Krankheiten, psychische Dekompensation und Unfälle seien die unweigerlichen Folgen.
Produktivität sinkt
Dass extreme Wochen zudem nicht einmal produktiv sind, zeigen Studien der Harvard Business School. Analysen von hochbelasteten Beratungsfirmen belegen: Ab etwa 50 bis 55 Stunden pro Woche bricht die Leistungsfähigkeit deutlich ein. Menschen, die 70 oder 80 Stunden arbeiten, schaffen kaum mehr als Kollegen mit 55, machen aber deutlich mehr Fehler.
Wer 80 bis 100 Stunden arbeitet, lebt praktisch nur noch zwischen Schreibtisch und Bett, der Körper zahlt schnell einen hohen Preis.