Turin – [–>Die Turiner Redaktion der italienischen Tageszeitung „La Stampa“ ist am Freitag zum Schauplatz eines erschütternden Angriffs geworden. Während einer Demonstration von Pro-Palästina-Demonstranten vor dem Verlagsgebäude löste sich eine große Gruppe aus dem Protestmarsch und zog direkt zum Redaktionsgebäude – mit klarer Absicht.
Anlass war die Verhaftung eines radikalen Imams in Turin. Vor den Toren der Redaktion eskalierte die Lage: Die Demonstranten warfen Mist über den Zaun und beschmierten die Wände mit wütenden Parolen. In grellen Lettern prangte der Vorwurf: „Journalisten sind mitschuldig, dass Mohamed Shahin in der CPR festgehalten wird.“
Weil die Journalisten selbst am zeitgleich stattfindenden Streik des italienischen Presseverbands (FNSI) teilnahmen, war die Redaktion verwaist – und wurde so zum leichten Ziel.
Demonstranten drangen in die Redaktionsräume der Turiner Zeitung ein
Im Inneren richteten die Eindringlinge massiven Schaden an. Türen, Möbel, Räume – nichts war vor den wütenden Protestierenden sicher. Einer von ihnen schrie ins Mikrofon: „Es ist noch nicht vorbei. Wir wollen die Freiheit Palästinas, genauso wie wir die Freiheit unseres Genossen und Bruders Mohamed Shahin wollen.“
Beschmierte Wände, nachdem die Demonstranten in die Redaktionsräume eingedrungen waren
Die Zerstörungswut kannte kaum Grenzen
Im Inneren richteten die Eindringlinge massiven Schaden an
Auch im Netz heizte sich die Stimmung weiter auf: Das KSA-Kollektiv („Autonomes Studentenkollektiv“) legte auf Instagram nach und begründete die Aktion damit, dass Journalisten verantwortlich seien, „Mohamed Shahin als furchterregenden Terroristen dargestellt zu haben“.
Das ist Mohamed Shahin
Der Imam der Moschee in der Via Saluzzo, Mohamed Shahin, weiterhin für Diskussionen. Er hatte einen Ausweisungsbescheid aus Italien erhalten, der vom italienischen Innenminister Matteo Pianteodosi unterzeichnet worden war. Am 24. November wurde er von den Ordnungskräften in seiner Wohnung aufgegriffen und in das Rückführungszentrum von Caltanissetta auf Sizilien (CPR) gebracht. Von dort aus könnte er bald in sein Geburtsland Ägypten zurückgebracht werden.
Nach Shahins Überzeugung war der Angriff vom 7. Oktober „ein Akt des Widerstands, der nach Jahren der Besatzung stattfand”. Er hat diese seine Ansichten auch in Interviews mit der Presse und anderen öffentlichen Auftritten mehrfach bekräftigt. In Turin hatte Shahin immer wieder an Pro-Palästina-Protesten teilgenommen.
Politik schaltet sich ein
► Der Angriff auf die Redaktion rief die italienische Staatsspitze auf den Plan. Präsident Sergio Mattarella (84) schickte Solidaritätsbotschaften an die Journalisten. Ministerpräsidentin Giorgia Meloni (48) und Innenminister Matteo Piantedosi (62) verurteilten den Vorfall als „inakzeptabel“ und ordneten umgehend Ermittlungen an. Beide telefonierten noch am Abend mit Chefredakteur Andrea Malaguti (60).
Auch die Parteivorsitzende der sozialdemokratischen Partito Democratico (PD), Elly Schlein (40), meldete sich und fand klare Worte: „Ich habe mit dem Chefredakteur von ,La Stampa‘, Andrea Malaguti, gesprochen und ihm, den Journalisten und allen Mitarbeitern meine Solidarität mit dem unsäglichen Vorfall der Razzia in den Turiner Redaktionsräumen nach einer Demonstration ausgesprochen. Dies war ein schwerwiegender und inakzeptabler Akt; jede Zeitungsredaktion ist eine Bastion der Freiheit und Demokratie“, zitiert „La Repubblica“ die Politikerin.
Die Redaktion von „La Repubblica“ solidarisierte sich mit ihren Kollegen von „La Stampa“.